9. März 2018

Alles Mimosen, diese Altenpfleger

Ausgerechnet sie werden häufiger krank als andere. Zum Beispiel häufiger als Lobbyisten der Zigaretten- und der Dieselautoindustrie.

Dass sich unsere Politiker nicht besonders für das Thema Digitalisierung interessieren, lässt sich noch leicht nachvollziehen. Zum einen aufgrund ihres Alters. Zum anderen, weil sie weder Lastkraftwagenfahrer noch Lokführer, noch Bankangestellte sind, die es bald aufgrund der Digitalisierung kaum noch geben wird. Sie fühlen sich schlichtweg nicht betroffen.

So wie sie auch von unverhältnismäßig steigenden Mieten und anderem Unbill des Lebens kaum behelligt werden. Sie haben ja längst ein eigenes Haus. Auch Erntehelfer wird es aufgrund der Digitalisierung künftig kaum noch geben, das erledigen dann Apps und Maschinen gemeinsam. Und Erntehelfer sind Politiker ja erst recht nicht, auch wenn es eine schöne Vorstellung wäre, dass sie etwas säen, aus dem nicht nur ein Ministeramt für sie entsteht, sondern etwas, das unserer Gesellschaft zum Blühen und Gedeihen verhilft.

Ich weiß, ich pauschaliere, Entschuldigung. Politiker arbeiten hart, sie sind auch nicht schlechter als andere. Aber Politiker haben doch schließlich auch Eltern, oder nicht?

Und damit bin ich endlich beim Thema Pflege. Denn anders als beim Thema Digitalisierung, müsste sich der Ernst der Lage beim Thema Pflege doch auch für Politiker aufdrängen. Auch ihre Eltern werden alt, dement und pflegebedürftig.

Zudem betrifft das Thema doch nun wirklich jeden von uns. Ob als Enkel und Kind von Pflegebedürftigen oder als Pflegebedürftiger selbst. Und dann gibt’s ja noch die 1,1 Millionen von Pflegerinnen und Pflegern, nicht zu vergessen die Zahl der Pflegerinnen und Pfleger die jetzt dank der GroKo dazu kommen, die geplanten 8000. Wow.

Man sollte also meinen, Pfleger sind echt eine Macht. Weil so enorm wichtig, so enorm nützlich. Man sollte also meinen, Pfleger hätten eine starke Lobby. So wie Dieselautoproduzenten. Oder Zigarettenhersteller. Aber Dieselautos und Zigaretten scheinen wichtiger zu sein. Der Unterschied ist auch: Dieselautos und Zigaretten machen krank. Pfleger werden krank. Die Mimosen.

Während der durchschnittliche Arbeitnehmer pro Jahr 16 Tage fehlt, fehlt der Altenpfleger 24 Tage. Tja, woran liegt das wohl? 40% der Pflegekräfte bewerten ihre Arbeitsbedingungen als unzulänglich. Das ist das Ergebnis einer Studie der Betriebskrankenkassen (BKK-Atlas). Liegt auch daran, dass ein Krankenhaus-Pfleger im Schnitt für 10,3 Patienten aufkommen muss. Und dabei geht’s ja nicht nur darum, mit 10,3 Politikern fein essen zu gehen wie für Zigarettenlobbyisten und Dieselautolobbyisten. Sondern um Schichtdienst, Personalmangel, Überforderung, menschliches Elend. Den Nachtdienst machen auch schon mal zwei Pflegekräfte für 99 Bewohner allein. Erst ab 100 Bewohner gäbe es eine dritte Kraft.

Dafür verdienen Pfleger, von mir grob geschätzt, achtmal weniger als ein durchschnittlicher Zigarettenlobbyist und 20 mal weniger als ein durchschnittlicher Dieselautolobbyist.

Da wundert es nicht, dass laut deutscher Stiftung für Patientenschutz ausgebildete Pfleger in ihrem Beruf nur 13 Jahre lang bleiben. 13 Jahre in einem Beruf, den sie drei Jahre lang gelernt haben. Nach 13 Jahren verdienen sie übrigens 3200 € brutto.

Die Gewerkschaft Verdi fordert zur Entspannung in der Pflege 70.000 mehr Pflegekräfte. Das ist allerdings unrealistisch, weil das ja was kostet. Und das Geld brauchen wir jetzt dringend, um Fahrverbote für Dieselautos zu vermeiden. Dafür muss schließlich der Steuerzahler aufkommen oder etwa nicht? Ich sehe sie richtig vor mir, die Leute, die darauf eine dicke Zigarre paffen.

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