21. September 2015
Geoffrey Fairchild / www.flickr.com

A chocolate a day keeps the stressor away - Schokolade verringert die Stressreaktion

Wirtz et al. (2015) – Dark Chocolate Intake Buffers Stress Reactivity in Humans

Dunkle Schokolade ist gesund. Jedenfalls wurde der Verzehr bereits mit einer geringeren Mortalität durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang gebracht. Dies ist auf die hohe Konzentration der so genannten Flavonoiden zurückzuführen. Flavonoide sind natürlich vorkommende Pflanzenwirkstoffe und gehören zur Familie der Antioxidantien. Diese unterstützen die körpereigenen Abwehrmechanismen. Wegen ihres bitteren Geschmacks werden die Flavonoide allerdings von den meisten Schokoladenherstellern entfernt. Während ein Riegel dunkler Schokolade je nach Kakaoanteil noch eine beträchtliche Menge der wertvollen Flavonoide enthält, so befinden sich in herkömmlicher Vollmilchschokolade nur noch wenige Milligramm.

Schokolade gegen Stress

Die Erklärung des Zusammenhangs des Schokoladenverzehrs und der Herz-Kreislauf-Gesundheit könnte wie so häufig in der körperlichen Stressreaktion zu finden sein. Dass psychosozialer Stress ein Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen ist, wurde bereits in einem früheren Blogeintrag beleuchtet.

Tierstudien zur Wirkung der Flavonoiden deuten darauf hin, dass diese die hormonelle Stressantwort reduzieren und damit vor schädlichen Folgen von Stress schützen. In einer Humanstudie wurden Probanden darum gebeten, über sechs Wochen regelmäßig einen bestimmten Tee zu trinken. Während dieser bei der Hälfte der Probanden reich an Flavonoiden war, so wurde der anderen Hälfte ein Placebo-Tee ohne Flavonoide verabreicht. Nach den sechs Wochen kehrte in ersterer Gruppe der Cortisolspiegel in Folge einer Stresssituation schneller auf das Ausgangsniveau zurück. Die Stressreaktion fiel im Falle einer regelmäßigen Flavonoid-Einnahme also geringer aus.

Zuckerbrot und Peitsche

In der vorliegenden Studie untersuchten die Autoren, inwieweit sich der einmalige Verzehr dunkler Schokolade auf die Stressreaktion auswirkt. Die Intervention bestand somit im Verzehr von 50 Gramm feinster Schweizer zart-bitter Schokolade (72 Prozent Kakao). Darin enthalten waren 125 mg des in Schokolade vorkommenden Flavonoids Epicatechin. Diesen Schokoriegel durften 31 Männer verzehren. Eine Vergleichsgruppe aus 34 Männern erhielt ein ähnlich wohlschmeckendes Placebo: 50 Gramm optisch identischer Schokolade, allerdings enthielt diese kein Milligramm der wertvollen Flavonoide (und dafür einige Kilokalorien mehr). Nach dem angenehmen Part der Studienteilnahme folgte dann der weniger gemütliche. Damit die Wirkung der Schokolade auf die Stressreaktion überprüft werden konnte, musste zunächst einmal eine solche Stressreaktion hervorgerufen und damit messbar gemacht werden. Wie man Probanden im Labor mit dem Trier Sozial Stress Test zuverlässig gestresst bekommt, lesen Sie in der Methoden-Box I.

Methoden-Box I: Wie stresst man Menschen im Labor?

Der Trier Sozial Stress Test (kurz: TSST) wurde an der Uni Trier von Prof. Dr. Clemens Kirschbaum und Kollegen entwickelt. Durch seine Standardisierung erlaubt der international eingesetzte Test eine Vergleichbarkeit über verschiedene Studien hinweg.

Zu Beginn wird der Proband (in der vorgestellten Studie nahmen nur Männer teil) in einen Raum geführt. Dort erwartet ihn folgendes Setting: Das Gremium, bestehend aus zwei neutral bis gelangweilt drein guckenden Konföderierten in weißen Kitteln, sitzt hinter einem Tisch, ausgerüstet mit Papier, Stift und Stoppuhr. Zusätzlich sind Kamera und Mikrofon auf den Probanden gerichtet. Dieser wird nun von der Studienleitung instruiert, dass er gleich einige Zeit haben wird, um sich auf ein fiktives Bewerbungsgespräch vorzubereiten, welches im Anschluss durch das Gremium bewertet würde. Diese achten dabei vor allem auf Mimik und Gestik. Nachdem die Studienleitung den Raum verlassen hat, beginnt die fünfminütige Vorbereitungszeit (dessen Dauer der Proband nicht kennt).

Dann geht’s los: Der Proband stellt sich vor das Gremium und beginnt mit seiner fünfminütigen freien Bewerbungsrede (dessen Dauer der Proband nicht kennt). Er erhält dabei weder mündlich noch mimisch Feedback. Erst wenn er nach 20 Sekunden Stille und der Aufforderung fortzufahren weiterhin stumm bleibt, fragt das Gremium widerwillig zusammenhangslose Fragen. Sind die 5 Minuten um, so beginnt die letzte Aufgabe: Kopfrechnen (richtig, wieder 5 Minuten und wieder kennt der Proband die Dauer nicht). Die Testperson muss nun in 17er Schritten subtrahieren, beginnend von einer Zahl jenseits der 2000. Bei null kommt er niemals an, da er bei jedem Fehler deutlich auf diesen hingewiesen wird und von vorne zu beginnen hat (dem Gremium liegt die Liste mit der korrekten Zahlenreihe vor). Nach insgesamt 15 Minuten wird der Proband dann erschöpft (und frustriert) aus dem Stresstest entlassen. Vor der Tür erwartet ihn schon die nächste Blutentnahme. In dieser Probe sollten sich nun einige Stresshormone mehr tummeln als zuvor.

Wie dieses standardisierte Laborparadigma abläuft, können Sie auch in folgendem Beitrag des SWR ab Minute 3:00 sehen: Hier wurden meine Institutskollegen dabei gefilmt, wie sie eine Probandin ohne das kleinste Anzeichen von Sympathie oder Empathie stressen.

Die Stressreaktion selbst wurde dann über die Stresshormone Cortisol und ACTH sowie Adrenalin und Noradrenalin im Blut erhoben. Warum gleich vier Stresshormone gemessen wurden, erfahren Sie in Methoden-Box II. Ansonsten reicht aber auch die Info, dass alle vier Hormone zuverlässig anzeigen, wie stark die Stresssysteme in unserem Organismus bei Belastung anspringen.

Den Probanden wurde am Vormittag erstmalig Blut entnommen, daraufhin bekamen sie ihr jeweiliges Stückchen Schokolade. Zwei Stunden später mussten sie nach erneuter Blutentnahme dann durch den Stresstest. Abgeschlossen wurde die Untersuchung mit vier weiteren Blutproben: Unmittelbar nach dem Test, zehn Minuten später sowie eine und zwei Stunden danach. Mit diesen Proben ließ sich anschließend der Verlauf der Stressreaktion vom Ausgangsniveau über den Anstieg bis hin zum Rückgang auf das Normalniveau abbilden.

Der Studienablauf war für beide Gruppen also exakt derselbe – mit dem einzigen kleinen Unterschied von 125 gegenüber 0 Milligramm Flavonoide. Neben den Stresshormonen wurde auch die Konzentration der Epicatechine im Blut geprüft. Damit konnte festgestellt werden, ob eventuelle Unterschiede der Stressreaktion auch auf die Flavonoide im Kakao zurückzuführen sind.

Methoden-Box II: Vier Stresshormone, zwei Stresssysteme

Warum wurden gleich vier Stresshormone gemessen? Zwei der wichtigsten Stresssysteme in unserem Organismus sind die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden Achse (HHNA) und das sympathische Nervensystem (SNS). Beide Systeme werden zentral, also im Gehirn, aktiviert und entfalten ihre Wirkung in der Körperperipherie. Bei der HHNA wird ACTH aus der Hirnanhangsdrüse freigesetzt, dies bewirkt dann die Ausschüttung von Cortisol aus der Nebennierenrinde. Beim SNS wiederum wird Noradrenalin zwar ebenfalls aus der Nebenniere (aus dem Mark, nicht der Rinde), zum größeren Teil jedoch als Neurotransmitter im Gehirn freigesetzt. Adrenalin wird hingegen ausschließlich als Stresshormon aus dem Nebennierenmark ausgeschüttet. Die Autoren hatten also für beide Stressachsen jeweils einen zentralnervösen und einen peripheren Marker. Damit konnte nicht nur überprüft werden, ob sich dunkle Schokolade auf die Stressreaktion auswirkt, sondern auch in welchem Bereich des jeweiligen Stresssystems sich deren Wirkung entfaltet.

Und das kam heraus

Die Epicatechinkonzentration war sowohl unmittelbar vor als auch zwei Stunden nach dem Stresstest in der Interventionsgruppe deutlich höher als in der Placebogruppe. Damit war zunächst einmal bewiesen, dass der Verzehr dunkler Schokolade auch nachweislich die Konzentration der Flavonoiden im Körper erhöht.

In beiden Gruppen bewirkte der Stresstest einen deutlichen Anstieg von Cortisol, ACTH, Noradrenalin und Adrenalin. Allerdings war der Anstieg der peripheren Stresshormone Cortisol und ACTH in der Interventionsgruppe signifikant geringer als in der Placebogruppe. Für die zentralnervösen Marker ACTH und Noradrenalin konnte dieser Unterschied nicht gefunden werden. Dieser Befund wurde bestätigt, als die Autoren an Stelle des Gruppenvergleichs den Zusammenhang des Epicatechin- und der vier Hormonspiegel überprüften.

Schokolade anstatt Laufschuhe und Yogamatte?

Die Studie zeigt, dass dunkle Schokolade die Stressreaktion verringern kann. Da nur der Anstieg der peripheren Stresshormone herabgesenkt wird, scheint Epicatechin nicht im Gehirn, sondern im Körper selbst seine stresspuffernde Wirkung zu entfalten.

Und welche Schlüsse ziehen wir aus diese Studie? Klassischerweise rät man Menschen, die im Beruf starken Beanspruchungen ausgesetzt sind beispielsweise zu Ausdauersport, Yoga oder Entspannungstechniken. Damit soll der Organismus in Stresssituationen besser bestehen können, da die endokrine Stressantwort geringer ausfällt und damit Körper und Psyche auf Dauer weniger belastet.

Die Verlockung ist nach dem Lesen dieser Studie groß, sich auf anstrengende Kundengespräche, wichtige Vorträge oder ähnlich fordernde berufliche Situationen mit einem beherzten Biss in die (dunkle) Schokoladentafel vorzubereiten, anstatt mit zeitraubenden und anstrengenden Körperertüchtigungen. Leider ist das nicht so einfach. Erstens wurde hier nur die akute Wirkung des Kakaos erhoben. Ob der Schokoladenverzehr auch bei chronischem Stress hilfreich ist, bleibt noch zu erforschen. Zweitens gibt es schließlich noch weitere gesundheitsrelevante Faktoren neben einer verminderten Stressreaktion. Und diese finden wir leider nicht im regelmäßigen Schokoladenkonsum, sondern zum Beispiel durch regelmäßige körperliche Aktivität.

Übrigens tummeln sich die Flavonoide nicht nur in der Schokolade: Auch Äpfel, Zwiebeln, grüner Tee, Rotwein und einige weitere Lebensmittel enthalten diese Pflanzenstoffe. Mit welchem dieser flavonoidhaltigen Nahrungsmittel Sie nun in den Tag starten möchten, bleibt Ihnen natürlich selbst überlassen!

Bildquelle: Geoffrey Fairchild / www.flickr.com

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