30. März 2021

Wie Betriebsärzte und -ärztinnen Unternehmen in der Corona-Pandemie unterstützen

Im Gespräch sind Dr. Akaltun, Standortleiter von Betriebsarztservice in Kiel sowie ärztlicher Leiter im Bereich Prozessmanagement, und Charlott Hoebel von DearEmployee, die Workplace Mental Health Plattform.

Zum Einstieg für unsere Leser und Leserinnen. Welche Rolle nimmt der Betriebsarzt oder die Betriebsärztin im Unternehmen ein?

Dr. Akaltun: Wenn Arbeitnehmer:innen sich bei der Arbeit sicher fühlen und gesund bleiben, sind sie motiviert und zufrieden und können somit zum Erfolg eines Unternehmens beitragen. Es ist also nicht nur eine gesetzliche Notwendigkeit, Maßnahmen in den Bereichen Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sowie Arbeitssicherheit durchzuführen, sondern es erhöht gleichzeitig den Unternehmenserfolg. Das übergeordnete Ziel der Arbeitsmedizin ist es, die Gesundheit von Beschäftigten zu erhalten und zu fördern sowie dazu beizutragen schädliche Einflüsse aus dem Arbeitsleben zu verhindern.

Der Aufbau des Arbeitsschutzes kann nur im Team erfolgen, sodass neben einer guten und offenen Kommunikation mit der Unternehmensleitung eine Zusammenarbeit mit  Fachkräften für Arbeitssicherheit, den Sicherheitsbeauftragten des Unternehmens und auch mit Arbeitspsychologinnen und -psychologen elementar ist.

Betriebsärzt:innen sollen zum einen aus Sicht des Arbeitgebers auf der Beratungs- und Umsetzungsebene eine Ansprechperson sein. Zum anderen soll er/sie aber auch für die Belegschaft eine Vertrauensperson darstellen, an die sich Beschäftigte immer unter dem Schutz der ärztlichen Schweigepflicht wenden können.

 

Ein/e Betriebsärzt:in ist also u.a. ein Bindeglied zwischen Beschäftigten und Arbeitgeber. Bei arbeitsmedizinischen Vorfällen denkt man oft an Unfälle oder körperliche Beschwerden aufgrund von Fehl- oder Überbelastung. Welche Rolle spielt die psychische Gesundheit der Beschäftigten in der Arbeitsmedizin?

Dr. Akaltun: Es ist allgemein bekannt und belegt, dass die psychischen Erkrankungen bedingt durch die Arbeit einen sehr großen Prozentsatz der Ausfalltage einnehmen. Dementsprechend ist unsere Position hier sehr wichtig ist, da wir als Vertrauenspartner im Arbeitsleben im Rahmen von persönlichen Gesprächen mit Beschäftigten, die Bedarfe und die Probleme im Betrieb erkennen können. Es besteht dann die Möglichkeit – optimalerweise  in Zusammenarbeit mit unseren Psycholog:innen aus der Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie – die Probleme genau zu eruieren und anschließend Konzepte zu erarbeiten und Maßnahmen abzuleiten. Dieser Ablauf ist im Grunde genommen das Vorgehen der gesetzlich verpflichtend durchzuführenden Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen.

 

Hört hier dann der Verantwortungsbereich des/der Arbeitsmediziner:in auf?

Dr. Akaltun: Ganz im Gegenteil. Bei der Umsetzung der Maßnahmen zur Verringerung von Gefährdungen oder psychischer Beschwerden sollten die Betriebsärzt:innen involviert sein. Beispielsweise kann der/die Arbeitsmediziner:in zu verschiedenen Themen Impulsvorträge halten bzw. in Einzelgesprächen auch als Mediator:in wirksam sein. Insbesondere dann, wenn Verhältnisse innerhalb des Unternehmens zerrüttet sind.

 

Wie beurteilen Sie als Betriebsarzt die Berichte, dass in Folge der Corona-Pandemie die psychische Belastung gestiegen ist? Haben Sie den Eindruck, dass sich die psychischen Belastungen verändert oder verschoben haben?

Dr. Akaltun: Natürlich sind Unterschiede zwischen den verschiedenen Branchen bzw. Bereichen vorhanden.  Beispielsweise ist im Gesundheitswesen (Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen etc.) eine andere Belastung zu beobachten als beispielsweise bei Arbeitsplätzen die bürolastiger sind. Dennoch lässt sich zusammenfassend festhalten, dass alle Bereiche betroffen sind und vermehrt auftretende psychische Belastungen zu beobachten sind. Ursächlich für die vermehrten psychischen Belastungen sind u.a. Ängste und Unsicherheiten bezüglich der allgemeinen Pandemie und der Angst sich durch die Arbeit einem erhöhten Infektionsrisiko auszusetzen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die praktische Umsetzung der aktuell notwendigen und verpflichtenden Schutzmaßnahmen sowohl logistisch als auch zum Teil wirtschaftlich nur schwer tragbar sind und zu großen  Herausforderungen und somit auch zu psychischen Belastungen der Verantwortlichen führen können.

 

Mit der Corona-Pandemie erfährt die Gestaltung gesunder Arbeit einen neuen Bedeutungszuwachs. Wie hat sich Ihr Berufsalltag durch Corona verändert? Und was waren für Sie besondere Herausforderungen?

Dr. Akaltun: Die klassischen Tätigkeiten eines Betriebsarztes/einer Betriebsärztin, wie Begehungen, Teilnahme an Arbeitschutzausschuss-Sitzungen, Durchführung von arbeitsmedizinischen Vorsorgen bestehen weiterhin, jedoch hat sich ein Großteil unserer Arbeit  noch mehr in Richtung Beratung entwickelt. Diese Tatsache äußert sich zum Beispiel durch eine gesteigerte Nachfrage von Beratungsgesprächen zum Thema Corona.

Weiterhin hat sich der Alltag dahingehend verändert, als dass viele Prozesse digital stattfinden. Da die Pandemie uns noch lange beschäftigen wird, denke ich dass dieser Trend noch weitergehen wird, sodass vermutlich Produkte wie telemedizinische Sprechstunden, digitale Begehungen etc. einen immer höheren Anteil unserer täglichen Arbeit einnehmen werden.

 

Besonders die Erreichbarkeit kleiner und mittelständischer Unternehmen, also sogenannte KMUs, ist für Arbeitsmediziner:innen eine Herausforderung. Sehen Sie deswegen kleinere Unternehmen benachteiligt in der Umsetzung des Corona-Schutze?

Dr. Akaltun: Anders als Großkonzerne o.ä. haben die KMUs oftmals budgetär beschränkte Möglichkeiten den Arbeitsschutz in ihren Strukturen aufzubauen, sodass die Kunst als Betriebsrat:in darin besteht nicht nur aufzuzeigen, was gesetzlich verpflichtend ist, sondern realistische und pragmatische Lösungsstrategien aufzuzeigen.

 

Die psychische Gefährdungsbeurteilung ist zwar gesetzlich vorgeschrieben und die neuen Corona-Schutz-Verordnung weist noch einmal extra auf die gestiegene psychische Belastung hin, doch nur 7,4 Prozent der Betriebe können eine Gefährdungsbeurteilung inklusive psychischer Belastung aufweisen.

Dr. Akaltun: Als Ursache für diese Beobachtung sehe ich die bereits zuvor beschriebene Herausforderung insbesondere für KMUs in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sowohl die finanziellen als auch die personellen Kapazitäten für die GBU psychische Belastungen zu mobilisieren. Hier sehe ich wiederum eine enorme Bedeutung und Verpflichtung in der Rolle des Betriebsarztes und Betriebsärztin rechtzeitig auf die schwerwiegenden psychischen Belastungen – insbesondere in Zeiten der Pandemie- mit teilweise langfristigen Folgen, hinzuweisen und pragmatische Lösungsansätze zu empfehlen.

 

Ein Angebot von Betriebssarztservice auf dem DearEmployee Marktplatz ist eine Beratung zu Besonderheiten im Arbeitsschutz und der Arbeitsmedizin. Was sind die Hauptinhalte dieser Beratung?

Dr. Akaltun: Im Rahmen einer solchen Beratung wird zunächst der Ist-Zustand in einem Unternehmen analysiert. Es wird überprüft, ob die wichtigsten Grundpfeiler des Arbeitsschutzes vorhanden sind (Gefährdungsbeurteilungen, ASA- Sitzungen, Begehungen, Unterweisungen, arbeitsmedizinische Vorsorgen etc. … ) bzw.  an welchen Faktoren es scheitert diese Grundpfeiler zu errichten. Dann wird ein besonderer Fokus in der Analyse bezüglich der   Umsetzung des SARS-CoV-2 Arbeitsschutzstandard gelegt und es wird erörtert welche Maßnahmen noch umzusetzen sind, um einen höchstmöglichen Schutz zu gewährleisten. Durch Bereitstellung von geeignetem Infomaterial oder der Durchführung von digitalen Schulungen versuchen wir die Kunden optimal zu beraten.

 

À propros Stellschrauben. Sie sich auch auf dem Marktplatz mit Angebote für gesunde Führungen und digital Leadership vertreten  Wie sieht Ihrer Meinung nach eine gesunde Führung aus? Haben sich hier Aspekte durch Corona verändert?

Dr. Akaltun: Eine gesunde Mitarbeiterführung bedarf sehr vieler Aspekte und ist branchenspezifisch sehr unterschiedlich, sodass es keine einheitliche Formel gibt, wie man ein Unternehmen bzw. Mitarbeiter gut führt.

Durch die Pandemie hat sich die Arbeitswelt so wesentlich verändert, dass es auch in der Mitarbeiterführung neue Herausforderungen gibt. Eine Führungskraft muss sich mehr als zuvor mit den Ängsten seiner Mitarbeiter auseinandersetzen sowie logistische (Stichwort: Home Office) und wirtschaftliche Hürden stemmen. Daher denke ich, dass Führungskräfte generell, jedoch in den jetzigen Zeiten mehr denn je eine professionelle Beratung und Schulung benötigen, um ihrer Funktion gerecht zu werden.

 

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