6. August 2020

Interview: Sekundäre Traumatisierung als Berufsrisiko

Im Gespräch sind Sven Steffes-Holländer, Facharzt für Psychosomatische Medizin & Psychotherapie und Charlott Hoebel von DearEmployee, die Workplace Mental Health Platform.

Sven Steffes-Holländer leitet als Chefarzt die Heiligenfeld Klinik Berlin, eine Privatklinik und Tagesklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, und ist Berater im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM). Einer seiner Schwerpunkte sind die Prävention und Behandlung beruflicher Traumatisierung.

 

Herr Steffes-Holländer, vielen Dank, dass Sie sich heute die Zeit genommen haben, um unseren Leser*innen das Phänomen sekundäre Traumatisierung näher zu bringen. Zunächst einmal, was versteht man unter sekundärer Traumatisierung?

Steffes-Holländer: Sekundäre Traumatisierung betrifft primär Berufsgruppen, die in ihrer Tätigkeit mit Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, zu tun haben. In meiner Tätigkeit als Psychotherapeut ist das zum Beispiel sehr üblich. Als Psychotherapeut arbeite ich mit Menschen, die beispielsweise eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) haben. Die Gefahr der sekundären Traumatisierung besteht darin, dass wir als Menschen, wenn wir von traumatischen Ereignissen erfahren, empathisch und mitfühlend reagieren. Das heißt, es entstehen auch in uns Bilder dieser Ereignisse. Wenn zum Beispiel eine Person von seinem oder ihrem schweren Verkehrsunfall mit Feuerwehr und Rettungshubschrauber erzählt, dann erzeugt das auch im Gegenüber Bilder und Emotionen. Er fühlt sich in die Situation hinein. Je kleinteiliger und detaillierter die Schilderung, desto plastischer werden im Gegenüber auch die Bilder.

 

Wie äußert sich diese sekundäre Traumatisierung bei Betroffenen?

Steffes-Holländer: Bei einer sekundären Traumatisierung stelle ich mildere Symptome der Traumatisierung bei mir selber fest. Dies kann beispielsweise sein, dass ich immer wieder an das traumatische Ereignis des Anderen denke, ich unter Umstände sogar Alpträume mit Inhalten des Anderen habe. Weitere mögliche Symptome sind, dass ich deutlich schreckhafter bin und unter Schlafstörung sowie Konzentrationsstörungen leide. All diese Symptome, die eigentlich der Traumatisierte normalerweise hat, erlebe ich bei mir selber.

 

In welchen Berufsgruppen kommt sekundäre Traumatisierung vermehrt vor?

Steffes-Holländer: Sekundäre Traumatisierung betrifft vor allem helfende sowie soziale Berufe, die permanent mit Menschen in belastenden Lebenssituationen zu tun haben. Häufig sind auch Polizist*innen betroffen. Also wenn Menschen sich ständig Material von Gewalthandlungen und Missbrauch angucken müssen. Ich würde auch Lehrer*innen tendenziell für gefährdet halten, da sie oft auch mit der schwierigen Lebenswelt ihrer Schüler*innen konfrontiert sind.

 

Würden Sie also sagen, dass eine sekundäre Traumatisierung zum Berufsrisiko mit dazu gehört?

Steffes-Holländer: In bestimmten Branchen auf jeden Fall. Ein Beispiel wären Feuerwehrleute und Sanitäter*innen. Diese Berufsgruppen erleben selber potentiell traumatische Ereignisse und tauschen sich zusätzlich noch in ihren Pausen über die Erlebnisse des Anderen aus. Das heißt sie sind nicht nur mit den eigenen Bildern konfrontiert, sondern auch mit den Erlebnissen und Gefühlen der Kolleg*innen und kommen dadurch in ein dauerhaftes Stresserleben. Bei jemanden, der eine Verwaltungstätigkeit ohne Kontakt mit Dritten ausübt, besteht diese Gefahr nicht.

 

Wie kann ein/e Arbeitskollegin oder eine Führungskraft erkennen, dass eine Person, mit der man zusammenarbeitet, gefährdet oder bereits von einer sekundären Traumatisierung betroffen ist? Was sind die Alarmzeichen?

Steffes-Holländer: Wenn Beschäftigte die oben beschriebenen Symptome schildern oder allgemein Veränderungen im Verhalten beobachtet werden. Im Idealfall kennt die Führungskraft den Arbeitsinhalt und hat schon ein Bewusstsein dafür, dass sekundäre Traumatisierung auftreten kann. Ein Problem ist, dass die Symptomatik nicht immer eindeutig einzuordnen ist. Es kann passieren, dass der eine mit Ängsten reagiert, ein anderer mit Depressionen und eine dritte Person mit Suchtverhalten. Es gibt also kein spezifisches Symptom, an dem die Führungskraft eine sekundäre Traumatisierung festmachen kann. Aber es gibt bestimmte Frühwarnzeichen. Das kann der klassische Leistungsabfall sein, dass sich jemand zurückzieht oder gehäufte Krankschreibungen ohne konkrete Erklärung.

 

Also ähnliche Frühwarnzeichen wie bei anderen psychosomatischen Erkrankungen und Burnout?

Steffes-Holländer: Genau. Diese Alarmzeichen unterscheiden sich aus meiner Erfahrung heraus bei der sekundären Traumatisierung nicht von anderen psychosomatischen Krankheitsbildern. Unbemerkt tritt sekundäre Traumatisierung in Branchen auf, in denen es keinen regelmäßigen Austausch in Teams und keine Möglichkeit zur Supervision gibt. In  diesen Berufsgruppen bleibt es länger unerkannt als zum Beispiel in einem psychotherapeutischen Setting.

 

Was wären Maßnahmen, die der Arbeitgeber ergreifen kann, um Beschäftigten zu schützen?

Steffes-Holländer: Auf der einen Seite halte ich das, was beispielsweise DearEmployee im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements anbietet, für sehr wichtig: Arbeitgeber sollten mit der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (PGB) anfangen den Arbeitsplatz ganz allgemein auf mögliche psychosoziale Belastungsfaktoren zu screenen. Bei Beschäftigten, die mit Traumatisierten arbeiten, reicht es nicht aus einmal im Jahr ein Mitarbeiterentwicklungsgespräch zu führen. Es muss ein Bewusstsein dafür geben, dass es notwendig ist emotionale Entlastungsmöglichkeit zu schaffen. Dreh und Angelpunkt sind hierbei ein Vertrauensverhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter*in. Ohne dieses Vertrauensverhältnis wird der/die Mitarbeiter*in die schambesetzte Belastung gar nicht erst zeigen.

Wenn keine Supervision angeboten wird, dann sollte es wenigstens eine regelmäßige verbale Entlastungsmöglichkeit geben. Bei Tätigkeiten, in denen es keine Möglichkeit eines strukturierten Austauschs gibt, sind Beschäftigte oft dazu gezwungen diese privat zu organisieren. Oder Sie bekommen erst dann Unterstützung, wenn es psychopathologisch so auffällig ist, dass sie eine ambulante oder stationäre Therapie machen müssen. Natürlich sind auch alle zusätzlichen Präventivangebote förderlich. Wenn der Arbeitgeber Bewegungsmöglichkeiten, Entspannungsmöglichkeiten oder eine Förderung der Stressbewältigung anbietet, ist das auch eine Prophylaxe für viele andere psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Burn-out.

 

Begegnen sie dem Phänomen in Ihrem Arbeitsalltag auch bei sich selber? Welche persönlichen Maßnahmen ergreifen sie, damit sie nicht Gefahr laufen in eine sekundäre Traumatisierung zu rutschen?

Steffes-Holländer: Ich würde sagen, dass es keine natürliche Immunität gibt. Ein Teil meiner Arbeit ist Traumaexposition. Das bedeutet mit dem Klient*innen bewusst in traumatische Erlebnisse reinzugehen. Wenn ich an einem Nachmittag drei Mal in die Traumaexposition gehe, weiß ich schon vorher, dass ich eine Distanzierungsmöglichkeiten brauchen werde. Das bedeutet mir danach Zeit für einen körperlichen Ausgleich zu nehmen und nicht mir noch fünf weitere Aufgaben vorzunehmen. Wichtig ist es also ein Bewusstsein für die eigenen Kräfte und Grenzen zu entwickeln. Es ist auch eine Frage der Dosis. Für mich ist es wichtig diese Traumaexpositionen nicht innerhalb einer monotonen Tätigkeit zu erleben, sondern unterschiedliche Themengebiete bei meinen Klient*innen zu haben. Ich könnte mich jetzt nicht 40 Stunden die Woche mit traumatischen Ereignissen auseinandersetzen, aber 15 bis 20 Stunden vielleicht schon. Außerdem ist Erfahrungstausch sehr elementar für mich. Es zeigt mir, dass das Erlebte nichts ist, was andere nicht auch belastet.

Vielen Dank für diesen spannenden und persönlichen Einblick.

 

Wie steht es um die psychische Gesundheit Ihrer Beschäftigten? Wir stellen Ihnen DearEmployee gerne in einer Online-Demo vor.

 

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